
Seit Montag Nacht deutscher Zeit ist klar: Nicht der erfahrene Jon Harbaugh (neuer HC bei den NY Giants), nicht der preisgekrönte Kevin Stefanski (neuer Coach bei den Atlanta Falcons) und auch nicht Ex-Jets-HC Robert Saleh (wurde von den Titans als HC bestätigt) wird Mike McDaniel – welcher sich dem Vernehmen nach als OC mit Justin Herbert gemeinsam bei den Chargers als OC versucht – auf der Stelle des Trainers der Miami Dolphins folgen. Nach intensiven Gesprächen hat sich das „Coach-Findungs-Gremium“ um Owner Stephen Ross, Neu-GM Jon-Eric Sullivan, Ex-Cowboys-QB Troy Aikman oder Ross-Schwiegersohn Daniel Sillman für den bisherigen Packers-Defensive Coordinator Jeff Hafley entschieden. Er wurde auch gleich mit einem 5 Jahres-Vertrag ausgerüstet. Dies dürfte ein erstes Anzeichen dafür sein, dass die Miami Dolphins dieses Mal einen grundlegenden Neu-Aufbau planen, der für länger ausgelegt sein dürfte.
Natürlich handelt es sich bei Hafley um einen Coach ohne HC-Erfahrung auf NFL-Niveau und damit das sechste Mal in Folge um einen Cheftrainer ohne bisherige Reputation. Das mag einen überraschen. Was nicht überraschen kann, ist die Tatsache, dass Jeff Hafley in seinen Interviews (gerade auch außerhalb von Miami) durchaus zu überzeugen wusste, so dass sich die Dolphins gezwungen sahen, ihn nach seinem zweiten Interview am Montag Abend direkt in der Facility zu behalten. Er muss neben seiner absolut beeindruckenden Umgangsweise mit den Spielern (u.a. Micah Parsons schwärmt von ihm) auch über ein beeindruckendes Football-Fachwissen verfügen und konnte so überzeugen. Einen ersten Eindruck davon – und auch von GM Sullivan – konnte man sich am Donnerstag bei der ersten gemeinsamen PK machen.

Zunächst einmal hat Hafley klargestellt, dass er in seiner Rolle als HC die Plays der Defense callen wird. Falls man aufgrund der Interviews von Noch-DC Anthony Weaver (Steelers, Ravens u.a.) nicht mit dessen Abgang gerechnet hatte, wurde dieser Glaube in der PK stark geschmälert. Aber auch eine Neu-Besetzung des OCs war natürlich Thema. Frank Smith dürfte nur sehr geringe Chancen besitzen, seine Stelle zu behalten. Nicht nur, weil die Bedeutung des neuen offensiven Playcallers wichtig und entscheidend sein dürfte in der Zeit des Anfangs – auch, weil bekannt wurde, dass man beim bisherigen QB-Coach der Texans, Jerrod Johnson, um einen Termin für den OC-Posten angefragt hat. Erwartet wird darüber hinaus, dass Bobby Slowik (schon bei den Dolphins unter Vertrag), Steve Shimko (QB-Coach der Cowboys, gemeinsame Vergangenheit mit Hafley bei Boston College) oder RB Coach Eric Studdesville Kandidaten sein könnten. Aber da es sich um eine sehr wichtige Personalie für den neuen HC handelt, sollte man hier ein wenig warten können.
Betont haben Sullivan und Hafley vor allem den „Green Bay way“ und die neue Physis, die sich in der Mannschaft und vor allem an den Lines zeigen soll. Im Vordergrund soll der Draft stehen und eigene (starke) Spieler gehalten werden; die Free Agency soll als Stabilisierung dienen. Dennoch stehen aber „build through the Draft“ und „keep your own“ im Vordergrund. Jaelan Phillips, Jevon Holland (2021), Robert Hunt, Brandon Jones (2020), Christian Wilkins, Matthew Deiter, Andrew „AVG“ van Ginkel (2019) – gerade in den letzten Jahren mussten immer wieder gute Drafted Rookies abgegeben werden. Unter „JES“ und „Haflinger“ Hafley soll das anders werden.

Man kann diese PK mit „Intelligence. Leadership. Authenticity. Passion. Confidence. Emotion. Family“ zusammenfassen. Das Team der Miami Dolphins soll stärker und an den Lines auch physischer werden. Die Resilienz der Spieler auf Kälte und die Integration eines „Sieger-Gens“ stehen als weitere Ziele ganz oben auf der Liste – und dies versuchten sowohl Sullivan als auch Hafley deutlich rüberkommen zu lassen. Letzten Endes wird eine Beurteilung der Personalien erst NACH ihren ersten Entscheidungen und einem gewissen Teil Football möglich sein. Bis dahin erhalten sie ohnehin erstmal Support. Um es mal aus dem DC-Universum etwas abzuleiten: Hafley will nicht der Coach sein, der sexy ist. Er will der sein, den Miami verdient und den es gerade braucht. Wobei seine leadership qualitites von einigen bereits nach der ersten PK angezweifelt werden, weil er eben diesen Eindruck übervermitteln wollte. Aber wenn man ganz ehrlich ist: wenn er viel falsch macht, darf Sullivan früh picken – wenn er viel richtig macht, gibt es sportlichen Erfolg.
Dieser Erfolg ist für das Ex Green Bay-Duo vor allem bei der QB-Position anzusiedeln – und dies gaben sie beide auch bei der PK schon mal bekannt. Sullivan sagte frei nach dem Motto: „Haben ist besser als brauchen“, dass man nach Möglichkeit in jedem Jahr einen QB draften werde. Es sei – und hier kommt einem die Taktik von den Packers 2020 bekannt vor – sinnvoll, den Konkurrenz-Kampf auf der Position hoch zu halten und nicht ohne einen zweiten Plan den ersten zu verfolgen. Man sägt zwar Tuas Stuhl nicht ab – von einer Job-Garantie war bei beiden neuen Executives wenig bis gar nichts zu spüren. Die HC-Suche war davon offenbar unabhängig.

EINSCHUB ZUM ENDE: DIE NACHFOLGE-REGELUNG DES OWNERS
Im Zuge dieser Suche nach Headcoach und General Manager zeigte sich vor allem: Stephen Ross, der inzwischen 85-jährige Owner der Miami Dolphins, ist bereit, Kompetenzen abzugeben und zu teilen, sich auch aus dem operativen Geschäft nach und nach zurückzuziehen. Wie er in einem Interview bei Bloomberg bestätigte, wird er in den nächsten Jahren zu Gunsten seiner Töchter und vor allem seines Schwiegersohns Daniel Sillman verzichten. Der 36-jährige Sillman war in beiden Such-Gremien bereits beteiligt und ist durch seine Rolle als CEO der Firma Relevant bekannt geworden. Er ist dadurch u.a. für die Vermarktung der TV-Rechte der FIFA Club-WM verantwortlich. In den nächsten Jahren dürfte er peu a peu in den Vordergrund rücken und seinem Schwiegersohn nachfolgen. Die wichtigen Entscheidungen der Gegenwart hat der Ehemann von Ross-Tochter Kimberly zumindest schon einmal mitgetragen. Deren Schwester Jennifer ist zwar ebenfalls involviert, wurde aber in den Nachfolge-Plänen des Vaters ebenso wenig bedacht wie seine zeitweise agierenden Geschäftsführer. In den letzten Tagen scheint sich also für die weitere Geschichte der Franchise einiges entschieden zu haben.



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