Die Rookie-watch endet nicht bei „Mr. Irrelevant“ – die Undrafted Free agents und Miamis Erfolg über den Draft hinaus

Als der 259. Spieler als „Mr. Irrelevant“ (inoffizieller Titel für den letzten ausgewählten Spieler) im 2023er Draft ein Trikot erhielt, hatten die Miami Dolphins vier Spieler unter Vertrag genommen. Doch damit endet bei Weitem nicht die Möglichkeit, neue Spieler zu verpflichten. Gerade die jüngere Vergangenheit bei den Fins hat gezeigt, dass sie ziemlich erfolgreich damit ist, sog. „undrafted free agents“ (UDFAs) zu finden, die den Kader verstärken und einen Impact auf das Spiel der franchise haben bzw. hatten.

Die Undrafted Free Agents – so geht´s und das kann man erwarten

Meine persönliche (jüngere) Liebes-Geschichte mit den Miami Dolphins habe ich einem UDFA zu verdanken. Das Spiel von Cameron Wake habe ich immer bewundert – auch er kam ungedrafted zu den Dolphins. Mit dem Umweg über die kanadische Liga schloss er sich 2009 den Miami Dolphins an und prägte das Bild der Franchise in den 2010er Jahren. Ohne Zweifel gehört er zu den besten Spielern der letzten Dekade. Sein Weg ist aber nicht der klassische eines Spielers, der ungedrafted in der NFL landet. Das es ein Spieler über diesen Weg überhaupt ins roster schafft, ist nicht wahrscheinlich.

Die Welle der Arbeitslosen

In den Tagen nach dem Draft stehen alle die Spieler, die nicht zu den 259 Auserwählten zählen, zunächst einmal ohne Job da. Bei einigen liegt es an der Tatsache, dass sie von „kleineren“ Colleges kommen und im Scouting-Prozess nicht so Beachtung fanden; bei anderen sind es „red flags“ (Verletzungen, Verfehlungen, Verhinderungen jeglicher Art. Verone McKinley hatte issues wegen der Körper-Größe), die dazu führen können, dass selbst sehr talentierte Spieler nicht DEN Anruf bekommen. Kader Kohou war ein spezieller Fall, der flog auch im Vorfeld unter dem Radar. Bei Preston Williams, WR und 2019 undrafted in Miami gelandet, war dies anders. Der galt eigentlich als sicherer spot für einen Draft-Status. Experten sahen ihn in der 6. Runde vom Board gehen – gut für Miami, dass ihn dann doch keine andere Franchise haben wollte, weil er da schon „injury prone“ war.

DER RUN AUF DIE UDFAs BEGINNT

Meistens schon in den Minuten nach Ende des Drafts (teilweise auch bereits schon vorher) versuchen die einzelnen GMs, ihre Kader durch die UDFAs aufzufüllen und interessanten prospects über diesen Weg die Chance zu ermöglichen, sich in den Camps um einen Platz im roster zu bewerben. Eine Vorhersage, wer wo landen wird, ist praktisch nicht möglich. Einige Spieler wählen dies nach needs und Konkurrenz bei den Franchises aus. Bei wieder anderen geht es ums Geld, denn (natürlich) die UDFAs werden durchaus mit einem signing bonus geködert, damit sie unterschreiben.

Am Beispiel von Kader Kohou aus dem letzten Jahr sollen dies ANGEBLICH (ich habe als Quelle nur Spotrac.com gefunden; sekundäre „Quelle“ ist der Dolphins Drive Podcast mit College-Experte Jan Weckwerth, der Kohou auf seinem Zettel hatte und wo 30.000 Dollar als Bonus für seine Unterschrift im Raum standen) $30k gewesen sein – was für UDFAs schon eine Menge Geld ist. In der Regel pendeln sich diese Summen bei maximal 10.000 Dollar ein.

Es existiert durch die NFL lediglich eine Obergrenze, wie viel man insgesamt für UDFAs ausgeben darf. Die Liga besitzt keine Beschränkung, wie viele UDFAs einen Vertrag bekommen – so lange diese Grenze beachtet wird.

DIE AKTUELLE SITUATION IM ROSTER DER DOLPHINS

Alleine im aktuellen roster stehen einige Spieler, die an den Draft-Tagen nicht ausgewählt wurden. Der Spieler mit dem meisten impact in der letzten Saison war Kader Kohou. „Darth Kader“, der vom zweitklassigen College der Texas A&M Commerce nach Miami kam, stand für fast 900 snaps und damit knapp 90% der defensiven Ball-Aktionen auf dem Platz und konnte sich dadurch einen festen Platz im roster erkämpfen. Ohne den Cornerback, der von PFF ein 70er-rating erhalten und in der letzten Saison 15 Spiele – 13 davon als starter – bestritten hat, wäre die Defense sicher noch wackliger gewesen als ohnehin schon. Er reiht sich ein in eine lange Tradition von Spielern, die durch gutes Scouting als „hidden gems“ gefunden werden konnten.

Auffällig dabei ist die Stärke des Recruitments von UDFAs vor allem in der Secondary. Von den aktuell 10 CBs im roster sind vier nicht im Draft-Prozess vertreten gewesen (fairerweise wurden Tino Ellis und Trill Williams von den Saints unter Vertrag genommen, bevor sie den Weg nach Florida fanden).

Neben Kohou wird in der kommenden Saison auch Nick Needham wieder für Miami auf dem Platz stehen. Im Jahre 2019 von den UTEP Miners am College in Miami gelandet, spielte er zunächst ein unterirdisches Preseason game und ich hätte jede Wette gehalten (ist im Podcast auch verbrieft), dass er in der NFL keine Zukunft gehabt hätte. Folgerichtig wurde er Ende August 2019 ins Practice squad verschoben und seine Karriere schien vorbei, bevor sie begonnen hatte.

DER ABLAUF BIS SAISON-BEGINN

Was dann in den nächsten Monaten und Jahren folgte, kann getrost als „from rags to riches“ (vom Tellerwäscher zum Millionär“) bezeichnet werden. Bis Mitte Oktober kämpfte sich Needham zurück ins roster und ist seitdem nicht mehr wegzudenken. Er war die klare Nummer drei der CBs der Dolphins und wird auch 2023 fester Bestandteil der rotation im defensiven Backfield sein. Ein Diamant, gefunden unter der Masse an Spielern, die zunächst den Sprung in die NFL nicht geschafft haben.

Aus dem aktuellen roster trifft dies neben Kohou und Needham noch auf Safety Verone McKinley III. (immerhin 253 defensive snaps für die Dolphins letztes Jahr), Guard Robert Jones (kam 2021 von Middle Tennessee State und stand seitdem immerhin für knapp 630 snaps in Offense und Special Teams auf dem Platz), Tight End Tanner Conner, WR Braylon Sanders und nicht zuletzt auf RB Salvon Ahmed zu. Seit 2020 hat er für Miami immerhin 30 Spiele bestreiten und 718 scrimmage yards erzielen können. Auch der Ex-Spieler von den Washington Huskies kann mit Fug und Recht als Scouting-Erfolg gewertet werden.

Sieben Spieler, zumindest drei davon recht sicher im 2023er roster, sind schon eine ziemlich gute Quote und zeigen, dass die Coaches und GM Chris Grier ein gutes Auge für Talent zu besitzen scheinen. Klar, es gibt auch „Fälle“ wie Stone Wilson. 2019 als UDFA zu den Dolphins gekommen, nicht überzeugen können und nie in der Liga angekommen. Durch die Geschichte der franchise gibt es aber immer wieder – der streak steht nun bei vier oder fünf Jahren in Folge, dass ein UDFA zumindest ein Spiel in einer Saison starten konnte – Beispiele, die zeigen, dass Miami hier eine gute Hand zu haben scheint.

Die aktuelle Situation nach dem Draft 2023 – ein Update vom 01.05.

Inzwischen ist der Draft des Jahres 2023 in den Büchern und alle Teams beginnen, ihre roster durch UDFAs aufzufüllen. Das gilt insbesondere für die Miami Dolphins, die zusätzlich zu den 64 unter Vertrag stehenden Spielern und den vier gezogenen Rookies nun bis zur Grenze von 90 Spielern noch 22 verpflichten können. Zwanzig davon hat PFF aktuell erfasst; nach einem Bericht von Barry Jackson (Miami Herald) kommt noch OT James Tunstall von den Cincinnati Bearcats dazu. Angeblich ist der mehr für den LT spot vorgesehen, DJ Scaife (University of Miami) eher als RT. Die anderen Namen sind:

Die Liste der undrafted Free agents, die Miami in den letzten Stunden gesigned hat. Mal sehen, wer eine echte Chance auf das roster bekommen wird.

Auffällig dabei ist vor allem der fast gänzliche Verzicht auf Tight Ends (da stehen im 90er roster dann insgesamt maximal 5), die Masse an Edge-rushern (hinter Phillips, Ogbah und Chubb ist mit einem Kampf um einen vierten Platz zu rechnen, den bisher Melvin Ingram innehatte. Einen Punter holt man sich beinahe schon traditionell fürs Camp battle mit dazu, einige andere Positionen sind eher in der Tiefe besetzt worden (CB) – da wird es mit einem „hidden gem“ schwierig. Am Ehesten ist wohl einem der Edger, den O-Linern oder einem Oregon-Safety der Sprung ins roster zuzutrauen. Apropos Safety der Oregon Ducks: sind aller guten Dinge hier drei und Holland sowie McKinley bekommen Verstärkung?

Laut „The Draft Network“ hat er ein 6th round grade bekommen (https://thedraftnetwork.com/sr-prospect/bennett-williams-cf1a2c4f-a70b-4524-b056-28144d74e3c3/), Pro Football Network traut ihm die Rolle im special team und als viertem Safety zu. Eine gewisse Chance ist dem Mann aus Oregon sicherlixh zuzutrauen.

FRANCHISE HISTORY DER UDFAs – mit Hall of Fame – Einschlag

Man kann einen Bogen spannen, der von Kohou und McKinley über WR Preston Williams (2019-2022 Bestandteil der Dolphins, aktuell bei den Carolina Panthers), „Wakezilla“ DE Cameron Wake (immerhin bei über 100 Karriere-sacks und jahrelang prägendes Element der Miami-Defense) bis hin zu Hall of Famern wie Larry Little (fairerweise nicht seine gesamte Karriere bei den Fins, aber hier zum Jacket-Träger geworden) und vor allem Jim Langer reicht.

Der leider im Jahr 2019 verstorbene Langer spielte insgesamt 10 Jahre und 129 Spiele für Miami. In der Zeit zwischen 1970 und 1979 zählte er damit zum Prunkstück der Franchise-Geschichte und wird auf ewig in Perfectville wohnen (Teil DER Mannschaft und zweimaliger SB-Gewinner). Er stand sechs mal im Pro Bowl, ist drei mal ins All Pro-Team der Liga gewählt worden, Mitglied des 1970er NFL-All-Decade-Teams und (ohne Zweifel) seit 2011 auch auf dem Dolphins Walk of Fame vertreten. Wenn man den Begriff „Legende“ verwendet, kommt man an der #62 sicher nicht vorbei.

Fazit

Es gibt keine Statistik, die besagt, zu welchem Prozentsatz die Dolphins jetzt erfolgreicher nach dem Draft sind als andere Franchises. Welchen Einfluss die Spieler ohne Draft-Status tatsächlich in der Liga haben und ob Miami hier eine positive Ausnahme bildet oder eben nicht. Gerade in den letzten Jahren ist aber subjektiv schon auffällig, dass es jedes Jahr mindestens einer der Spieler in die engere rotation schafft und so einen Einfluss auf das Team nehmen kann. Von daher bin ich persönlich auch positiv gestimmt, dass es auch 2023 wieder DEN EINEN geben wird, der sich in die 53 durchkämpfen kann. Die Tradition von Jim Langer, Larry Little, Cam Wake und Co. verpflichtet dazu aber auch. Die Erfolgs-Geschichte der UDFAs bei den Miami Dolphins wird weiter gehen und man darf gespannt sein, wer das nächste Kapitel schreiben wird. Es wird aber ein Erfolgs-Modell bleiben, auch wenn die „Serie“ 2023 wider Erwarten reißen sollte…

P.S. wer mehr dazu wissen möchte: Alain Poupart hat dieses Thema bei Sports Illustrated aufgegriffen und thematisiert; der Link zum Artikel: Dolphins‘ Best UDFA Pick-Ups – Sports Illustrated Miami Dolphins News, Analysis and More

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