Ein kleiner Mutmacher

Es wird niemanden überraschen, der oder die es mit den Miami Dolphins hält: die kommende Saison in der NFL dürfte nicht gerade die Angenehmste in der Franchise-Geschichte werden. Viele Experten trauen den Dolphins nicht sonderlich viel zu. Der deutsche YT-Kanal Fokus Football gibt den Fins zwei Siege, Down Set Talk malt mit der Einschätzung „auf dem Papier in der Vorschau auf eine Saison das schlechteste Team der DST Ära“ ein ziemlich düsteres Bild, generell werden der Truppe von Neu-Trainer Jeff Hafley maximal vier Siege zugetraut. Ein Top 5-Draft Pick im 2027er NFL-Draft wird wohl ziemlich wahrscheinlich sein, ein Schneckenrennen zwischen den Cardinals und den Dolphins um den #1-Pick wird erwartet.

Wenn es also schon vom reinen record – auch aufgrund des bärenharten schedules – nicht viel zu gewinnen gibt, auf welche Elemente können die Fans achten und sich Hoffnungen machen, dass es in den nächsten Jahren vielleicht aufwärts gehen kann? Dieser Boost an Mut und Zuversicht ist eventuell mal angebracht…

Das Modell „Green Bay“ oder „Hafleys System“ – und was sich davon in Miami verfestigen könnte

  1. Wide Receiver

Scherzhaft wurde im Vorfeld viel von den „Miami Packers“ gesprochen – dies ist nun (gerade im roster) weit weniger eingetreten als vorher prognostiziert wurde. Ein Aspekt der Tatsache, dass Sullivan und Co. aber seit Jahren in Wisconsin schon gute Arbeit gemacht haben, ließ sich aber schon im Draft der Offensive erkennen: Wide Receiver nicht unbedingt in R1 zu nehmen, sondern talentierte Spieler dieser Position in mittleren Runden zu erkennen. Der 49-jährige „JES“ zum Beispiel ist seit 2008 bei den Packers erst Scout (- 2015), dann director of College scouting (2016-17), dann Co-director und letzten Endes vice president of player personel (2018-25) gewesen und war damit auch für Spielerbeobachtung und Draft-Strategie aktiv mit verantwortlich. In diesem Zeitraum hat Green Bay gerade in den Runden an Tag zwei und früh an Tag drei – die Dolphins haben in R3 und R5 ja insgesamt drei WRs gezogen – Savion Williams (3. Runde 2024), Dontayvion Wicks und Jayden Reed (2. bzw. 5. Runde 2023), Christian Watson und Romeo Doubs (2. bzw. 4. Runde 2022), Amari Rodgers, Marquez Valdez-Scantling oder DeAngelo Yancy gedraftet (das nur bis einschließlich 2017 zurück betrachtet). Klar, Yancy Amari Rodgers und Savion Williams waren keine guten Drafts – dafür die anderen 5 umso mehr. Jetzt folgt Mathematik: Zu 67% (5 von 8) hat Miami also einen sehr guten NFL-WR gedrafted – mit etwas Glück sogar zwei. Von Douglas, Bell und Coleman sollten also schon allein aus der Draft-Historie der Packers heraus gute WRs dabei sein. Als „Bonus“ darf man noch den letzten Louisville-WR mit dazu packen, den die Dolphins vor Chris Bell zu sich gelockt haben. Der war (auch?) injury prone, ungefähr so gebaut wie Bell, aber dann war es das auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Man darf von Bell jetzt keine 4700 Yards und 24 TDs für die Miami Dolphins erwarten (die hatte Parker in sieben Jahren aufgelegt), aber das Zeug dazu besitzt er – WENN er fit wird, ist und bleibt.

2. Secondary / Defensive Backs

Aber auch defensiv haben Sullivan und (da kommt Hafley ins Spiel) eine Position, auf der sie ein Talent zu einer recht hohen Wahrscheinlichkeit erkennen: Defensive backs. Der 47-jährige Hafley macht seit seinen coaching-Anfängen bei Albany 2002 nichts Anderes, als sich um Defensive backs zu kümmern. Seit Tampa Bay 2012 zwischenzeitlich auch auf NFL-Niveau. Man sollte ihm also durchaus zutrauen, Talent auf dieser Positionsgruppe erkennen zu könnnen. Jeff Okudah und Damon Arnette (2019, Ohio State) waren zumindest im College herausragend; in seiner Vita finden sich aber auch Duron Harmon & Logan Ryan (bei Rutgers) sowie ein gewisser Richard Sherman, der in Hafleys Zeit bei den 49ers durch diesen trainiert und auf den Weg gebracht wurde. Er lässt in der Regel zone heavy spielen, das könnte einem der neuen Dolphins aus der Secondary zum nächsten Schritt verhelfen, denn Talent haben sie alle.

Bei den Miami Dolphins hat er für eine positional unit gesorgt, die er ganz nach seinen Vorstellungen wird formen können. Kein Minkah, kein Ramsey, kein Kohou, kein Melifonwu oder Davis, kein Douglas, kein Jones – auf beinahe keiner Position war der Exodus größer.

Chris Johnson, Michael Taafe, (Rookies), Major Burns, Jason Marshall Jr., Dante Trader Jr., Ethan Robinson sind alle unter 25 Jahre alt. Alex Austin, Louis Moore, Miles Battle, Ethan Bonner, Juju Brents haben kaum vier Jahre in der Liga auf dem Buckel. Wirklich „Erfahrung“ haben nur Safety Lonnie Johnson (8 Jahre Erfahrung, 30 Jahre alt) und Marco Wilson (6/27). Viel Potential zur Entwicklung also, dessen Benefit man Hafley und seinem Team geben kann.

3. Ist heute Murmeltiertag oder wird der Fluch durchbrochen – das Thema Offensive Line

Wie jedes Jahr steht auch die Offensive Line der Miami Dolphins mal wieder im Fokus. Im letzten Jahr waren mit Patrick Paul, Aaron Brewer, Jonah Savaiinaea und Austin Jackson zwar vier der fünf prognostizierten starter schon mit dabei – allerdings in anderer Konstellation. Durch den Draft von Kadyn Proctor und dessen Festlegung auf die LG-Position bleiben allerdings nur Paul (LT) und Brewer nach seiner herausragenden Saison auf Center wie bisher stehen. Der polynesische Ex-Rookie „Savi“ wechselt auf eine Position (RG), die er schon im College bekleidet und ausgefüllt hatte. Seine LG-Rookie-Saison war doch eher verbesserungswürdig. Sein run blocking grade war schon beschämend – seine Pass-Verteidigung war aber jenseits von Gut und Böse und dead last mit einem jämmerlichen Grade. Nur mal zum Vergleich: der drittschlechteste Guard, Mekhi Becton von den Chargers, lag in der Bewertung sieben Punkte vor dem Dolphins-Akteur. Das lässt für 2026 aber ausreichend Platz zur Verbesserung. Eine zweite historisch schlechte Saison (die statistisch schlechteste eines Guards in der NFL-Geschichte) wird sich nicht wiederholen.

Austin Jackson ist und bleibt der ewige Mythos der Miami Dolphins. Ist er fit, spielt er – aber das war in den letzten Jahren ja nicht immer der Fall. Freundlich ausgedrückt. Der beinahe 27-Jährige hat in den letzten beiden Saisons 14 Spiele absolviert. Allerdings nicht jeweils, sondern insgesamt! Alle Spiele absolviert hat Jackson erst ein einziges Mal in seiner Karriere: 2021. Deswegen ist die Position des Backup-Tackles mindestens genauso entscheidend wie die Position Jacksons. Die füllt bei Miami seit dieser Saison der 26-jährige Jamaree Salyer aus. Zwar brachte er es in der letzten Saison auf „nur“ 440 snaps und einen PFF-Grade von 62,6 bei vier zugelassenen Sacks und vier zugelassenen QB hits. Generell ist er aber flexibel auf jeder der OL-Positionen auch als starter einsetzbar. Ob das allerdings ausreichen wird und ob UDFA-C Andrew Meyer oder late round-Rookie DJ Campbell eine Rolle spielen können, scheint fraglich. Die Rotation der QB protection ist gering, alle anderen (Charlie Heck, Josh Priebe, Kevin Cline, Marques Cox) haben wohl sehr geringe Chancen auf das Roster. Man wird allerdings beobachten können, ob es Miami gelingt, dem neuen starting QB eine Zahl von mehr als 38 sacks zu ersparen.

4. Der Elefant im Raum: die Personalie Malik Willis

Wenn man mal ganz ehrlich ist, sind die Entwicklung von Wide Receivern oder Defensive Backs aber nicht die Punkte, an denen sich Erfolg oder Miss-Erfolg der kommenden Saison entscheiden werden. Bei den Miami Dolphins wird sich – wenig überraschend – alles um die Performance eines 27-jährigen Absolventen der University of Auburn drehen. Malik Willis hat bislang 22 Spiele (davon sechs starts) in der NFL für Titans und Packers auf dem Buckel. 15+ Pass-Versuche hat er aber nur in vier dieser Spiele erreichen können: bei einer OT-Niederlage bei KC 2022, bei einer Niederlage gegen die Texans an Heiligabend des gleichen Jahres, bei einem Auswärts-Sieg der Packers gegen sein ehemaliges Team 2024 sowie für Green Bay gegen Baltimore 2025. Da setzte es eine deutliche Klatsche – bei zwei Starts (Sieg in Houston 2024, Sieg gegen die Colts mit den Packers) durfte er nicht so oft werfen. Das zeigt IN DER THEORIE, wie man mit Willis erfoglreich sein kann. Baut man das Spiel über Achane, Wright und Gordon auf und lässt man Malik Willis bei seinen Starts run heavy nur wenig werfen, sind die Erfolgsaussichten höher. Generell lässt sich aber bei einer solch geringen sample size (36 passing attempts 2025, 55 im Jahr davor, 2023 kam er auf 5, in seiner Rookie-Saison immerhin auf Career high 61 Pass-Versuche) gar keine tiefergehende Aussage zur Qualität von Willis treffen – weder in die eine noch die andere Richtung. 105 von 155 Pässen für die Karriere sind ja Werte, die jeder starting Rookie locker übertreffen könnte. Die ersten 40 QBs in der vergangenen Saison haben öfter geworfen. Wenn Willis tatsächlich wie Nummer 41 der NFL spielt, hat es dann für den Draft 2027 auch wieder etwas Gutes. Von daher: klar will man jedes Spiel gewinnen. Aber auch wenn man das nicht tun dürfte, gibt es immer noch gute Gründe positiv in die Zukunft zu sehen und seinem Hobby zu fröhnen – und nur darum geht es ja 😉

# Fins Up

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